Public Health - more than ever

SARS-CoV-2 (Corona-Virus) stellt jede einzelne Person, aber auch Public Health vor neue große Herausforderungen. In kaum einer anderen Zeit wurde so viel über Public Health gesprochen wie jetzt, und nie war die Anzahl von Expertinnen und Experten für öffentliche Gesundheit so groß wie in den letzten Tagen. In der Zeit vor Corona hatten wir als Public Health Community in Bezug auf Infektionskrankheiten eine ambivalente Einstellung: Einerseits gab es das Bestreben immer wieder darauf hinzuweisen, dass Public Health sich zwar aus der Prävention und dem Management von „communicable diseases“ entwickelt hat, sich aber über mehr als hundert Jahre wesentlich breiter und vielfältiger entwickelt hat. Andererseits gab es auch Bestrebungen darauf hinzuweisen, dass gerade Infektionskrankheiten zu einem vielleicht vernachlässigten Public Health Thema wurden, dies wurde vor allem in den Wintertagungen der ÖGPH in den letzten Jahren mehrfach thematisiert.

In dieser sicherlich größten Gesundheits-Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg, erleben wir auch hautnah, wie vielfältig Public Health ist, aber auch was Public Health ist und zu leisten vermag. In dieser Zeit muss man wohl niemandem erklären, warum Gesundheit alle Politikfelder (ohne Ausnahme) betrifft. Und wir als Public Health Community sind sicher so stark wie schon lange nicht als Expertinnen und Experten für Vermeidung von Krankheitsausbreitung, aber auch zur Stärkung von Ressourcen (Wie überstehen wir die Zeit in den eigenen vier Wänden?) gefragt. Wir sollten dennoch das Große und Ganze („the big picture“) nicht aus den Augen verlieren, denn das ist es, was Public Health schließlich ausmacht.

Public Health ist „die Kunst und Wissenschaft der Vermeidung von Krankheiten, Verlängerung des Lebens und Förderung der Gesundheit durch organisierte Anstrengungen der Gesellschaft“ (Acheson 1988). Was diese Anstrengungen alles beinhalten können, wird in diesen Tagen und Wochen so deutlich wie selten zuvor in Österreich. Um nur einige Maßnahmen zu nennen:

  • Medien und Hotlines klären über verhaltensbezogene Maßnahmen, wie Händewaschen, physical distancing (in der Öffentlichkeit meist als social distancing bezeichnet) auf
  • Verhältnisbezogene Maßnahmen in Schulen, Universitäten, Betrieben, Büros, bis hin zu Flughäfen, die weitgehend geschlossen bzw. auf Notfallbetrieb umgestellt wurden, andere Bereiche, wie die Krankenversorgung werden aufgestockt.
  • Eigene Gesetze werden an einem Sonntag – über alle Parteigrenzen hinweg – einstimmig beschlossen, um geordnete Verhältnisse in der Gesellschaft sicher zu stellen

Auch die Gesundheitsförderung kann dazu beitragen, die Corona-Krise zu bewältigen. Gemäß Aaron Antonovky (1996) braucht es dazu Ressourcen und Zuversicht, die unseren Kohärenzsinn (sense of coherence) nähren: (1) Wir müssen verstehen, was geschieht (Virusinfektion), (2) die gesetzten Maßnahmen als sinnvoll erachten (Schutz vor Neuansteckungen, Schutz von Überlastung des Gesundheitssystems) und (3) die (vor)gesetzten Maßnahmen als handhabbar/bewältigbar mit den vorhandenen Ressourcen einstufen (zu Hause bleiben, physische Kontakte mit anderen auf ein Minimum reduzieren).

Wenngleich die Diskussion sich stark um die Bekämpfung der Ausbreitung des Virus auf einer gesellschaftlichen Ebene und die Auslastung von Krankenhäusern drehen, sollte nicht vergessen werden, wo Gesundheit entsteht. Gesundheit entsteht dort, wo Menschen spielen, lernen, arbeiten und lieben (WHO 1986). Die Aktivierung von Menschen, sich für ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen einzusetzen hat ein nie geahntes Ausmaß erreicht. „Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.“(WHO 1986).

„Sozialkapital – Sozialer Zusammenhalt stärkt die Gesundheit“ lautet das Motto der 23. wissenschaftlichen Jahrestagung der ÖGPH. Dieses Tagungsthema ist auch in der aktuellen Corona-Krise aktueller denn je. Sozialkapital wird auf drei Ebenen sowie zwei weiteren Dimensionen gebildet (Helliwell and Putnam 2004). Auf der Mikroebene des Sozialkapitals geht es um besonders nahestehende Menschen in der Familie und im Freundeskreis mit entsprechenden sozialen, aber auch psychischen und körperlichen Bindungen. Diese Ebene ist in Zeiten, in denen wir das Haus oder die Wohnung möglichst nicht verlassen sollten und besonders viel Zeit mit den engsten Vertrauten verbringen, enorm wichtig, kann aber auch zur Herausforderung werden. Auf der Mesoebene des Sozialkapitals, durch größere Gruppen, den erweiterten Bekanntenkreis, Cliquen und soziale Netzwerke gebildet, geht es vor allem um soziale Unterstützung. Das Gebot der Stunde diesbezüglich heißt „physical distancing“ – körperlichen Abstand halten, um uns wechselseitig vor einer Ansteckung zu schützen und dennoch den sozialen Kontakt (z.B. über Social Media) aufrechtzuerhalten und zu intensivieren. Nachbarschaftsinitiativen bilden sich, um jenen zu helfen, die nicht aus dem Haus gehen können oder unter den Umständen nicht sollen. Diesbezüglich kann und soll jede und jeder einen Beitrag leisten. Auf der Makroebene des Sozialkapitals verbinden gemeinsame Ideen und Werte. Diese Ebene ist möglicherweise jene, die am stärksten von der Corona-Krise profitieren kann. Auf der Makroebene geht es darum, was begeistert und was dem Leben einen Sinn gibt, und somit gibt es klare Überscheidungen mit der Bedeutsamkeits-Ebene in Antonovskys Kohärenzsinn-Konzept der Salutogenese. Zu diesen gemeinsamen Ideen gehören nicht nur politische Ideologien, Religionen und Spiritualität, sondern auch gemeinsame Werte wie Sport, Natur, Kultur und Kunst. Kreativität und Kultur sind wichtige Gesundheitsressourcen (WHO 2019) und in dieser Zeit des Zuhause-Bleibens kann dies intensiviert und gestärkt werden (z. B. auch durch gemeinsames Musizieren von den Balkonen wie derzeit in Italien). Beim „Bonding“ geht es um die Kommunikation und Interaktion innerhalb der eigenen Gemeinschaft und „Bridging“ versteht sich als das Schaffen von Brücken zu fremden, anderen Menschen, ist also die Diversitätsdimension des Sozialkapitals. Brücken zu Menschen zu bauen, die völlig anders sind als man selbst und sich mit ihnen zu solidarisieren, gilt als wichtige persönliche und gesellschaftliche Gesundheitsressource.

Die Krise zeigt, wie alles zusammenhängt und in Resonanz miteinander steht. Die Entschleunigung durch die Krise kann helfen, diese Zusammenhänge wieder bewusster wahrzunehmen und achtsamer zu sein, mit sich selbst, seinem Umfeld und seiner Umwelt. Dies birgt auch die Chance miteinander in Dialog zu treten, etwas was in unserem hektischen Alltag häufig nicht oder nur selten möglich ist. Dialog verstanden als Resonanz kann nicht erzwungen werden, sie entsteht im Augenblick, „wenn Menschen sich in einen Fluss des gegenseitigen Zuhörens begeben, eintauchen in einen Fluss des Befragens, Inspirierens, des gemeinsamen vorbehaltlosen lauten Denkens, des würdevollen Anerkennens unterschiedlicher Sichten, des gemeinsamen Ringens um Verstehen: den Andern, das Thema, sich Selbst.“ (Heyn 2019).

Ob ein physischer Dialog bei der Österreichischen Public Health Tagung 2020 möglich sein wird, können wir noch nicht sagen und wird sich erst rund um Ostern zeigen. Unabhängig davon, ob die Tagung stattfinden wird, ist die Krise durch die (erzwungene) Entschleunigung an vielen Stellen eine Chance, wieder zu mehr Bewusstsein für das Wesentliche zu gelangen. Sie ist auch eine Chance für Public Health zu zeigen, was sie ist und was sie kann, wenn alle bewusst und solidarisch zusammenhalten.

Quellen

Acheson, D (1988): Public Health in England: The Report of the Committee of Inquiry into the Future Development to the Public Health Function.

Antonovsky, A (1996): The salutogenic model as a theory to guide health promotion. Health Promotion International 11: 11–18.

Epidemiegesetz 1950.StF: BGBl. Nr. 186/1950

Helliwell JF, Putnam RD (2004): The social context of well-being. Philos Trans R Soc  Lond B Biol Sci., 359(1449):1435-1446.

Heyn, I (2019): Wie beginnt Dialog, was belebt ihn und was lässt ihn sterben? http://www.ingo-heyn.de/g/node/278 15.3.20 

WHO (1986) Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung. http://www.euro.who.int/de/who-we-are/policy-documents/ottawa-charter-for-health-promotion,-1986

WHO Regional Office for Europe (2019): What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review. Health evidence network synthesis report 67. Copenhagen: WHO.

 

März 2020